Vor hundert Jahren wurde ein Motorrad erfunden,
das vielen heute noch als Symbol für Aufbruch und Abenteuer gilt. Ein
Liter Freiheit ist billig, er kostet weniger als 50 Cent. Mit einem Liter
Freiheit kommt man allerdings nicht weit, er reicht für rund 20 Kilometer.
Also muss man oft tanken, um voranzukommen. Zwei- bis dreimal pro Tag. Selbst
in der unwirtlich unwirklichsten Wüste steht spätestens alle 70,
80 Meilen eine Zapfsäule, wie eine aus dem Boden gewachsene Fata Morgana
und doch real.
Von jeher war der Begriff der Freiheit in Amerika eine Frage der Mobilität:
Nicht nur des Aufstiegs von unten nach ganz oben, sondern auch des ungehinderten
Vorankommens zwischen A und B. Dass sie nichts aufhalten kann, dafür
haben die Amerikaner gesorgt: Sie haben schnurgerade Straßen bis hinter
den Horizont gebaut und sich immer um die nötige Bewegungsenergie gekümmert.
Eines kam zum anderen. Als vier Männer 1903 in einer amerikanischen
Vorort-Garage den Motor einer Rüttelplatte irgendwie auf zwei Räder
montierten und das Ding Harley-Davidson nannten (so will es zumindest die
zur Historie verklärte Anekdote), schoss etwa zum gleichen Zeitpunkt
in Texas auf dem Claim eines Bauern eine Fontäne schwarz-klebriger
Flüssigkeit aus der Erde. Es handelte sich um eines der größten
Ölvorkommen der Welt. Später ging man dazu über, Kriege zu
führen, um den Nachschub des schwarzen Goldes sicher zu stellen. Auch
um Maschinen wie die Harley zu füttern, ehedem Fahrzeug der US-Army
mit Gewehrhalfter seitlich am Lenker. Der Mythos vom lonesome rider hat
bis heute überlebt.
23 Menschen schwingen sich auf 15 Motorräder: eine Australierin, ein
Deutscher, vier Amerikaner, 16 Engländer und der niederländische
Tourguide Ritchy van Aarle. Seit 1993 bietet der örtliche Veranstalter
Eaglerider unterschiedliche Touren an. Seit dem 11. September 2001 haben
die Buchungen deutlich nachgelassen, wobei die Deutschen mit Rückgängen
bis zu 50 Prozent an der Spitze liegen. Die Teilnehmer sind zwischen 45
und 50 Jahre alt. Wild West heißt diese Tour, sie führt in einem
großen Bogen von Los Angeles über den Grand Canyon und das Monument
Valley nach Las Vegas und von dort über das Death Valley, den Yosemite
National Park und San Francisco wieder zurück, rund 4200 Kilometer
in 16 Tagen.Gib aus, was du hast!
Ein Teil der Gruppe trudelt erst zur zweiten Hälfte der Tour in Las
Vegas ein. Ein bewusst gesetzter Kulturschock auf einer Motorradtour, die
fast ausnahmslos durch archaisch anmutende Landschaften führt. Arnie,
ein schmächtiger, unauffälliger Kerl aus Birmingham, das Haupthaar
schon licht und ständig eine Zigarette in der Hand, Autoelektriker
beim Militär und 58 Jahre alt, steht mit seiner Maschine auf dem Strip,
einem Abschnitt des Las Vegas Boulevards, an dem die berühmten Hotels
und Casinos liegen. Er lacht sein breites Lachen und erzählt von der
Erbschaft, die er gemacht hat. Nicht viel, aber immerhin. Arnie pfiff auf
die guten Ratschläge, sein Geld anzulegen: "You must spend it",
sagt er.
Nutze den Tag. Arnie mag zwar die großen, schweren Harleys nicht,
zu Hause in England hat er eine Honda. Aber durch Amerika, findet er, müsse
man mit einem dieser Ungetüme mit der Wendigkeit eines Schwerlasters
fahren. Egal. "Von meiner Erbschaft bleibt nicht viel übrig",
lacht Arnie, "für meine Versorgung im Alter muss eben der Staat
aufkommen. "Das hier", und er deutet den Strip hinunter, "werde
ich nie vergessen."
Am nächsten Morgen geht es früh, bevor die Hitze kommt, hinein
ins Death Valley, langsam hinunter in den Talboden 86 Meter unter dem Meeresspiegel.
Kurz hinter Las Vegas beginnt die Wüste. Im Hochsommer hat es hier
Temperaturen bis zu 60 Grad Celsius.
"Willkommen" steht auf deutsch am Eingang der "Alpenhof Lodge"
und zwei schmiedeeiserne Laternen flankieren diesen Gruß. Darüber
hängt ein Holzbalkon, in dessen Bretter Sterne gesägt sind. An
der dunkel gebeizten Holzverschalung, welche die Fassade des Hauses optisch
umschließt, sind Hirschgeweihe und selbst gemalte Wappentafeln angebracht,
darunter auch eine in Rotweiß, was seit dem 7. Oktober 2003 als die
heimliche Staatsfarbe Kaliforniens gilt. An diesem Tag wurde der Demokrat
Gray Davis als Gouverneur abgewählt, Arnold Schwarzenegger, der republikanische
Österreicher, hat ihn ersetzt. "Ich lasse euch nicht hängen",
rief der "Governa-tor", wie er von manchen Kalifornien! bereits
genannt wird, seinen Wählern zu. Damit ist die Geschichte Kaliforniens
um ein aberwitziges Einwanderer-Schicksal reicher. Die Menschen im Sonnenstaat
erfinden sich gern alle paar Jahre neu, und eine solche Selbsterneuerung
sehnen sie im Moment herbei wie selten zuvor, weil der Niedergang vom kapitalistisch
lebenslustigen Vorzeige-Staat zur dauerhaften Krisenregion unausweichlich
zu sein scheint.
Wohl nur an der amerikanischen Westküste können Realität
und Fiktion in so verblüffender Symbiose existieren und man bewies
schon immer den größten Mut, völlig Unvereinbares miteinander
zu verbinden. Das ist zu einem großen Teil den Einwanderern zu verdanken,
die seit dem vorletzten Jahrhundert in Scharen nach Kalifornien kamen und
ihre nationale Kultur fest in der neuen Heimat verankerten, indem sie sich
in Gruppen ansiedelten und so ganze Ortschaften bildeten.
In Mammoth Lakes, einer Skistation in fast 3000 Metern Höhe zwischen
Death Valley und dem Yosemite National Park, gibt es den Kitzbühel
Place, die Grindelwald Road und den St. Anton Circle. Die Hotels heißen
"The Innsbruck Lodge" oder "Austria Hof" und in der
"Alpenhof Lodge", in der die Biker übernachten, empfängt
einen nicht nur das erwähnte "Willkommen", sondern ist an
der Brüstung der Eingangstreppe natürlich auch die amerikanische
Fahne aufgesteckt. In den Kartenständer bei der Rezeption hat jemand
neben den obligatorischen Prospekten von den örtlichen Sehenswürdigkeiten
auch einen fetten Packen vom "Tiroler Volkskunst Museum" in Innsbruck,
Universitätsstraße 2, eingeklemmt.
Zum Frühstück in der "Alpenhof
Lodge" gibt es die neue Ausgabe der wöchentlich erscheinenden
California Staats-Zeitung, eines deutschsprachigen Heimat-vertriebenen-Organs
mit aktuellen Bundesliga-Ergebnissen und Kleinanzeigen, in denen zur Gesinnung
das rechte Outfit verkauft wird: "Bayerischer Trachtenanzug (small
size) mit Hemd, Krawatten und Filzhut mit Gamsbart zu verkaufen. Best offer.
Tel. (909) 925-3xxx". Auch das ist eine Form der Globalisierung.
Das Reisen in einer geführten Gruppe ist angenehm. Man muss keine Karten
studieren, sich nicht um die Übernachtungen kümmern und wird an
die schönsten Aussichtspunkte gebracht. Wenn der Tourguide es vermag,
ein Gemeinschaftsgefühl aufzubauen, fühlt man sich sicher und,
was das Fahren betrifft, sattelfest. Andrew aus Cardiff/England ist als
Jugendlicher ein wenig Motorrad gefahren um abzuhauen, um auszubrechen.
Dann kamen Familie, Kinder, der Job. Andrew hatte keine Zeit mehr, sich
auf zwei Rädern fortzubewegen. Er verkaufte fortan fahrbare Untersätze
mit vier Rädern und baute sich als Autohändler ein mittelständisches
Unternehmen auf, das er mit 60 verkaufen musste. Zwei Jahre später
machte er seine erste Motorradtour mit Eaglerider, von Los Angeles nach
Mexiko. Es war eine bunte Truppe damals. Mit einem Brasilianer und einem
Israeli hat er noch heute Kontakt, sie laden sich gegenseitig ein, verbringen
immer wieder mal ein paar Tage miteinander. "Die Welt ist ziemlich
beschissen geworden, Globalisierung, Kommerzialisierung. Aber das hier",
und dann deutet er auf seine Harley und macht eine Handbewegung irgendwohin
in die Ferne, "das ist etwas, was mir die Freiheit wieder gegeben hat."
Andrew ist jetzt 66. Graue Haare, Brille, ein nicht zu übersehender
Bauchansatz. "Ich bin kein guter Motorradfahrer, aber ich spüre
auf diesen Touren, dass ich für den Sattel geboren bin. Das ist jetzt
ein Teil meines Lebens." Er ist keiner, der den Traum von der Freiheit
als Harley-Markenzeichen vor sich her trägt wie ein paar andere in
der Gruppe, etwa Susan aus Australien, eine Investment-Bankerin, die die
Nase voll hatte vom aufreibenden Job und sich ein halbes Jahr abgesetzt
hat, mit Harley-Lederjacke und einem Stars-and-Stripes-Tuch um den Kopf
gebunden. Wenn der Gruppe andere Harleys entgegenkommen, reckt sie gern
die Faust demonstrativ zum Himmel, schreit laut "Yaahoooooo".
Im Gegensatz zu Susan, die jede noch so lange Etappe cool findet, würde
Andrew, der spätgeborene Biker, gern ein paar Meilen pro Tag weniger
zurücklegen müssen. "Auf der Maschine ist es oft auch die
Hölle. Die Hitze, dann kurz darauf in den Bergen die Kälte, der
Regen, den wir einmal hatten. Und nach 200 Meilen tut mir der Arsch weh,
ich weiß nicht mehr, wie ich sitzen soll. Dann hasse ich es."
"Es ist absurd. Da lassen wir uns für viel Geld über den
Teich fliegen, und dann fahren wir hier mit dicken Motorrädern durch
dieses wunderbare Land, das einmal anderen gehörte und ihnen einfach
weggenommen wurde, und dabei verpesten wir die Luft und stören die
Natur. Das ist alles höchst paradox. Ich für mich versuche wenigstens,
keine Spuren zu hinterlassen, so dass morgen nichts mehr daran erinnert,
dass ich einmal hier war." Jeff war mehr als dreißig Jahre lang
Polizeibeamter in London, dann schmiss er den Job hin und ist jetzt für
eine Wohlfahrtsorganisation tätig, die Opfer von Verbrechen betreut.
Jeffs schlechtes Umweltgewissen hat möglicherweise mit der überwältigenden
Szenerie im Yosemite National Park zu tun, weil sich man unter den gigantischen
Granit-Formationen und den riesigen Sequoias notgedrungen ziemlich mickrig
und unbedeutend fühlt. Bis zu 3000 Jahre sind manche der Baumriesen
alt, ihre Stämme haben Durchmesser von sechs bis zehn Metern.
Das Reisen in einer geführten Gruppe
ist anstrengend. Man muss sich einordnen, kann nicht einfach anhalten, wenn
man Lust dazu verspürt, die Tankstopps ziehen sich oft in die Länge,
bis alle wieder bereit sind, bisweilen geht einer in den Städten mit
den vielen Ampeln und Abzweigungen verloren. Dann muss man viel Geduld aufbringen,
bis die Gruppe wieder komplett ist. Die grandiose Natur verführt dazu,
die Fahrt allein fortzusetzen, einfach ins Blaue hinein, zurück, Richtung
Los Angeles. Es ist nicht schwer, sich zurecht zu finden. Alle Straßen,
die von Norden nach Süden verlaufen, haben ungerade Nummern und alle
in Ost-West-Richtung gerade. Der berühmte Highway l führt die
Pazifikküste entlang von Mendocino bis hinunter nach Los Angeles. Der
Abschnitt zwischen Monterey und San Luis Obispo gehört ohne Zweifel
zu den schönsten Straßen der Welt. Steile Felsabbrüche,
zerklüftete Küstenlinien, ein weiter Blick hinaus auf den Pazifik,
dann wieder sanft zum Wasser hin abfallendes Weideland, silbern in der Sonne
schimmerndes Schilfgras, die nach Meer und Salz riechende Luft, kurz vor
San Siemo ein Sandstrand, auf dem sich zur Paarungszeit Hunderte von massigen
Elefantenrobben tummeln.
Später, im Hotel, denkt David, der Hotelmanager laut über die
Probleme seines Landes nach, den 11. September, den Krieg im Irak und das
soziale Elend in den Städten: "Der Mythos von der Freiheit ist
eben ein Mythos, er bekommt zunehmend etwas Unwirkliches." Es sei denn,
man ist gerade auf einer Harley-Davidson unterwegs.
Buchung: Es gibt verschiedene
Anbieter von Motorradtouren in den USA, Eaglerider ist der größte
und bietet darüber hinaus das beste Servicenetz. Die meisten geführten
Touren werden zwischen April und Oktober angeboten, man sollte ein halbes
Jahr vorher buchen, um zum gewünschten Termin fahren zu können.
Die Wild West-Tour kostet für acht Tage im Doppelzimmer 2720 Dollar,
im Einzelzimmer 3100 Dollar. Für den Sozius kommen noch einmal 600
Dollar dazu.
Die 16-Tage-Tour kostet 4640 Dollar (EZ 5500, Sozius 1100 Dollar). Die Preise
enthalten Übernachtung, Motorrad, Tourguide und Versicherung. Jeweils
nicht enthalten sind Flug, Essen, Benzin sowie Mautgebühren und Eintrittskarten
für die Nationalparks.
Buchungen über FTI Frosch Touristik GmbH (Hotline: 01805/ 453 334),
im Reisebüro oder direkt bei Eaglerider European Office (Tel.: 089/
31 59 46 08; Internetbuchung ist möglich auf der Website www.eagle-rider.com).
Motorräder sind auch individuell buchbar ab 30 Dollar pro Tag (inkl.
100 Freimeilen pro Tag).